Forscher entwickeln viele neue Impfstoffe – das bringt Investitionen nach Deutschland

02.06.2017

Marburg. Ein Piks kann Leben retten – Impfen schützt vor gefährlichen Krankheiten. Die Pocken sind deshalb heute weltweit ausgerottet, Diphtherie und Kinderlähmung (Schluckimpfung) in den meisten Ländern. Viele weitere Kinderkrankheiten sind fast verschwunden. Unermüdlich tüfteln die Forscher an zusätzlichen Impfstoffen. Im letzten Jahrzehnt brachten sie 17 neue Präparate auf den Markt, rund 70 weitere dürften in den nächsten Jahren folgen.

Von diesem Boom profitiert der Standort Deutschland. So errichtet der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) im hessischen Marburg eine neue Fabrik für einen Impfstoff gegen Hirnhautentzündung bei Babys. Sie wird durch Meningokokken-Bakterien (Typ B) hervorgerufen. Die Nachfrage nach dem schützenden Mittel steigt in Europa und Amerika.

Der Konzern investiert 162 Millionen Euro in die Anlage. 100 Mitarbeiter werden darin ab 2020 wichtige Komponenten für das begehrte Präparat herstellen. „Wir wollen die Lohnfertigung aus Österreich hierherholen und auf 26 Millionen Dosen jährlich erhöhen“, sagt Standortleiter Jochen Reutter. Schon jetzt hat Marburg die größte deutsche Impfstoffherstellung. 1.100 Mitarbeiter produzierten im vergangenen Jahr 80 Millionen Dosen.

Wie beim GSK-Impfstoff ermöglichen Gentechnik und Erbgut-Analyse den Forschern auch bei anderen Krankheiten neue Ansätze. „Heute befinden sich daher deutlich mehr Präparate in der Pipeline als noch vor zehn Jahren“, sagt Rolf Hömke, Referent beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller in Berlin. Hier einige Beispiele.

  • Dengue-Fieber. Lange bissen sich Forscher an der tropischen Viruserkrankung, an der weltweit jährlich 400 Millionen Menschen erkranken, die Zähne aus. Kürzlich entwickelte das französische Unternehmen Sanofi-Pasteur einen Impfstoff dagegen, nun ist auch der japanische Konzern Takeda fast am Ziel: Für 100 Millionen Euro errichtet er eine Produktion im baden-württembergischen Singen.
  • Ebola-Fieber. Die Seuche forderte 2014 in Westafrika mehr als 11.000 Todesopfer. Der US-Konzern MSD hat die Forschung vorangetrieben und baut nun für 60 Millionen Euro eine Fabrik im niedersächsischen Burgwedel.
  • Grippe. „Statt vor drei schützen die neuen Präparate nun vor vier Virenstämmen“, erklärt Hömke.
  • Gürtelrose. Für die besonders gefährdeten älteren Menschen ist besserer Schutz in Sicht. Ein neues Mittel vom Hersteller GSK bewahrt Studien zufolge erstmals über 95 Prozent der Geimpften vor einer Erkrankung; die bisherige Impfung schaffte das nur bei der Hälfte.
  • Immunschwäche. Menschen mit einem Spenderorgan oder Krebspatienten erkranken wegen ihres geschwächten Immunsystems leicht an zwei bestimmten Viren (RSV und Zytomegalie-Virus). „Gegen beide Typen sind Impfstoffe in der Entwicklung“, weiß Hömke.
  • Malaria. Bei der Krankheit, an der jedes Jahr über eine halbe Million Menschen sterben, waren Impf-Forscher bisher nicht richtig erfolgreich. Tübinger Uni-Wissenschaftler erzielten jetzt mit einem völlig neuen Ansatz erstmals 100-prozentigen Schutz.
  • Tuberkulose. Die Lungenkrankheit fordert jährlich 1,5 Millionen Opfer. Berliner Max-Planck-Forscher haben eine verbesserte Impfung entwickelt, die getestet wird. Hömke: „Ein neuer Impfstoff wäre für die Medizin ein gigantischer Erfolg.“ Hans Joachim Wolter

Autor: Hans Joachim Wolter