Chemie-Arbeitgeber sehen Forderungen der Gewerkschaft mit Sorge

24.05.2018

Mannheim. Zum Auftakt der Tarifrunde 2018 hat die Chemiegewerkschaft IG BCE die Karten auf den Tisch gelegt: Sie denkt an 6 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von zwölf Monaten und dazu 1 Prozent „on top“ für mehr Urlaubsgeld. „Das ist überzogen“, sagt Edgar Vieth, Vorsitzender der Tarifkommission und Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Chemie Baden-Württemberg. AKTIV wollte wissen, wie er die Lage einschätzt.

Wie steht die chemische und pharmazeutische Industrie in Baden-Württemberg da?

Im vergangenen Jahr war die wirtschaftliche Entwicklung gut. Ein ähnlicher Verlauf wie 2017 wird auch dieses Jahr erwartet. Allerdings wird es deutlich holpriger in der Weltwirtschaft. Der protektionistische Kurs der USA, der Brexit, die Rohstoffpreise – all diese Faktoren zeigen, dass wir nicht einfach „weiter so“ machen können. Wir müssen sehr vorsichtig, sehr realitätsbezogen handeln in den nächsten Monaten.

Die gesamten Chemie-Arbeitskosten sind international mit die höchsten

Die Gewerkschaft sieht die Lage rosiger und fordert mehr Lohn und doppeltes Urlaubsgeld.

In der Chemie verdient ein Tarifmitarbeiter in Vollzeit schon heute im Schnitt fast 60.000 Euro im Jahr. Das ist spitze! Die anhaltend geringe Inflation spricht für eine moderate Tariferhöhung. Die gesamten Chemie-Arbeitskosten sind international mit die höchsten. Fast zwei Drittel unserer Umsätze erwirtschaften wir im Ausland und stehen in einem harten Wettbewerb.

Vor Tarifrunden klagen die Arbeitgeber immer. Aber die bisherigen Lohnerhöhungen haben Sie doch gut weggesteckt …

Wir haben in Baden-Württemberg sehr viele kleinere und mittelständische Unternehmen. Der Anteil der Personalkosten ist in diesen Betrieben, im Vergleich zu den Großunternehmen, deutlich höher. Das heißt, bei der gleichen Lohnsteigerung hat ein kleinerer Betrieb anschließend deutlich weniger Geld zum Investieren zur Verfügung, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Was erwarten Sie von der ersten Tarifverhandlung Ende Juni in Karlsruhe?

Wir werden zeigen, wie es in den Unternehmen aussieht. Es ist wichtig, dass wir ein gemeinsames Verständnis für die aktuelle Lage entwickeln.

Was geschieht sonst?

Sonst werden die Verhandlungen, die im September ja auf Bundesebene weitergehen, sehr hart. Wie gesagt: Wir müssen einen für alle Unternehmen tragbaren Abschluss hinbekommen. Wir sind gesprächsbereit – aber wir fordern einen realistischen Blick auf die Unternehmen, die Arbeitskosten und auf den Wettbewerb!

Autor: Sabine Latorre