Stuttgart, 27. März 2009. Die Stimmung in der chemischen Industrie Baden-Württembergs ist bis auf wenige Ausnahmen pessimistisch. Die Branche erwartet in diesem Jahr eine deutlich schwächere Chemie-Konjunktur.
Konjunkturprognose 2009
Fast 80 Prozent der baden-württembergischen Chemieunternehmen rechnen 2009 mit rückläufigen Auftragseingängen. Nur jedes zehnte Unternehmen erwartet ein Anziehen der Bestellungen. Entsprechend negativ sind auch die Umsatzerwartungen. Drei Viertel der Chemie-Unternehmen rechnet mit geringeren Umsätzen. Die negativen Prognosen gelten auch für die erwartete Ertrags-, Investitions- und Beschäftigtenentwicklung.
Nach Angaben von Gerhard Schäferkord, Hauptgeschäftsführer der Chemie-Verbände Baden-Württemberg, werden insbesondere vom wichtigen Exportgeschäft derzeit keine positiven Impulse erwartet.
Nicht ganz so pessimistisch blicken die eher konsumnahen Sparten sowie die Arzneimittelhersteller in die nähere Zukunft.
Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation sind 40 Prozent der Chemieunternehmen im Land dabei, ihre Organisationsstruktur zu verschlanken und Produktionsabläufe weiter zu optimieren.
Gut jeder zehnte Betrieb versucht, seine Einkaufsbedingungen zu verbessern. 25 Prozent der Unternehmen gehen in die Offensive und wollen neue Absatzmärkte erschließen.
Wirtschaftliche Entwicklung 2008
Der Jahresumsatz der chemischen Industrie Baden-Württembergs ist 2008 um 1,6 Prozent auf 17,8 Mrd. Euro gestiegen. Der Auslandsumsatz blieb auf dem Vorjahresniveau von 10 Mrd. Euro. Die Binnenumsätze erhöhten sich im vergangenen Jahr um 3,9 Prozent auf 7,8 Mrd. Euro. Sehr schwach entwickelte sich im Jahresverlauf 2008 das 4. Quartal. Hier gingen die Umsätze um 6,4 Prozent und das Auslandsgeschäft um minus 7 Prozent deutlich zurück. Davon besonders betroffen waren die Hersteller von Lacken und Farben mit einem Umsatzeinbruch von 16 Prozent.
Situation in den Teilbranchen Pharma und Lack
Die Gesamtumsätze der pharmazeutischen Industrie in Baden-Württemberg haben sich im Vorjahr gegenüber 2007 um 1,4 Prozent auf 7,9 Mrd. Euro verringert. Der Auslandsumsatz ging um 4,3 Prozent zurück. Das Inlandsgeschäft stieg um immerhin 4,3 Prozent an.
Die Gesundheitsbranche ist trotz Wirtschaftskrise konjunkturunabhängiger als die meisten anderen Industriezweige. Dies liegt insbesondere an der demografischen Entwicklung.
Die Arzneimittelhersteller rechnen aber damit, dass aufgrund der abnehmenden Kaufkraft die Umsätze bei rezeptfreien Medikamenten im laufenden Jahr deutlich zurück gehen.
Bei den baden-württembergischen Farben- und Lackproduzenten hat sich der Umsatz 2008 insgesamt noch positiv entwickelt. Der Anstieg von 1,3 Prozent auf 2,4 Mrd. Euro lag im Trend der Chemie-Branche.
Die Prognosen der Lackindustrie für 2009 sind allerdings deutlich negativer als im Durchschnitt der Chemie-Branche. Außergewöhnlich pessimistisch beurteilen die Hersteller von Lacken und Farben das Auslandsgeschäft.
Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen
Für die chemische Industrie spielen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen eine wichtigere Rolle als jedes Konjunkturprogramm. Nach Angaben von Dr. Gerd Backes, Landesvorsitzender des Verbandes der chemischen Industrie (VCI), gilt dies insbesondere für alle energie- und klimapolitischen Maßnahmen. Die energieintensive Chemie-Branche gibt bundesweit fast 6 Mrd. Euro jährlich für Energie aus.
Energiepolitik
Zu einem besonders gravierenden Kostenfaktor hat sich der EU-Emissionshandel entwickelt. Bereits seit 2005 unterliegen zahlreiche europäische Anlagen der Industrie sowie der Energiewirtschaft einem Handel mit CO2-Emissionszertifikaten. In der ersten Handelsperiode von 2005 - 2007 hat sich dadurch die industrielle Produktion in Europa zum Teil deutlich verteuert.
Inzwischen wurde die Emissionshandelsrichtlinie für den Zeitraum von 2013 - 2020 novelliert. Nach Branchen-Berechnungen wird diese neue Richtlinie die deutsche chemische Industrie mit Zusatzkosten von rund 1 Mrd. Euro jährlich belasten. Davon dürften auf die Unternehmen in Baden-Württemberg zwischen 80 und 90 Mio. Euro pro Jahr entfallen.
Die chemische Industrie produziert schon seit langem energieeffizient und reduziert ihren CO2-Ausstoß. So nahm der Energieverbrauch in Deutschland seit 1990 um fast 50 Prozent ab. Deshalb ist es aus Sicht der Branche nicht gerechtfertigt, dass durch die Novellierung des EU-Emissionshandels neue und zum Teil erhebliche Belastungen drohen.
Großprojekt Ethylenpipeline gefährdet
Ein besonders wichtiges Projekt für die chemische Industrie im Land ist die Realisierung der Ethylenpipeline-Süd. Ziel ist es, mit einer durchgängigen Rohrleitung eine Verbindung von Bayern über Karlsruhe nach Rheinland-Pfalz zu schaffen. Damit würde der Chemie- und Energiestandort Baden-Württemberg einen direkten Anschluss an das bestehende innerdeutsche und europäische Netz erhalten.
Durch intensive Verhandlungen mit den betroffenen Grundstückseigentümern und Kommunen hat die Betriebsgesellschaft EPS mittlerweile über 77 Prozent der notwendigen Wegerechte erhalten. Der Erwerb der restlichen Rechte zögert sich allerdings immer mehr hinaus. Ein weiterer deutlicher Schub wäre allein durch ein klares Bekenntnis der Landesregierung zur Schaffung eines entsprechenden Wegerechtsgesetzes möglich. Zwar sehen alle Fraktionen ein, dass ein solches Wegerechtsgesetz notwendig sein wird. Der immense Zeitdruck, unter dem das Projekt steht, scheint der Landesregierung allerdings nicht bewusst zu sein.
Bereits jetzt sind der betroffenen Wirtschaft durch die Verzögerungen Zusatzkosten und entgangene Erlöse im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich entstanden.
Dies hat zur Folge, dass die Gesellschafter die Fortführung des Projektes derzeit ernsthaft in Frage stellen und einen Baustopp erwägen.
Diese Entwicklung ist aus Sicht der Chemie-Verbände Baden-Württemberg enttäuschend, und noch dazu in Zeiten einer schweren Wirtschaftskrise nicht nachvollziehbar.
Weitere Steigerung des Ausbildungsplatzangebotes
Die baden-württembergischen Chemieunternehmen haben 2008 ihr Angebot an neuen Ausbildungsplätzen gegenüber dem Vorjahr nochmals deutlich erhöht. Nach Angaben von Peter Schiller, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Chemie Baden-Württemberg (agvChemie), stiegen die Zahlen um 1,4 Prozent auf 1.078 Auszubildende.
Die Verpflichtung aus dem Tarifvertrag „Zukunft durch Ausbildung“, den hohen Stand des Vorjahres zu halten, hat die Branche damit übertroffen. Seit der Unterzeichnung des Tarifvertrages 2003 haben die Unternehmen ihr Ausbildungsplatzangebot insgesamt um fast
14 Prozent gesteigert. Gefordert war eine Steigerung auf Basis des Standes 2003 um mindestens 7 Prozent bis 2007. Dies entspricht in etwa dem Anstieg der Schulabgängerzahlen im Land. Für das Jahr 2009 geht die Branche im Land davon aus, dass das inzwischen erreichte hohe Ausbildungsniveau trotz Wirtschaftskrise gehalten wird.
Bezogen auf alle Ausbildungsjahre bildet die chemische Industrie im Land 2008 3.130 Auszubildende aus. Insgesamt wurde das Ausbildungsplatzangebot seit Mitte der 90er Jahre um fast 50 Prozent erhöht.
