Bürokratie und Kosten als größte Bremsklötze
An der Spitze der Standortbelastungen steht in Baden-Württemberg unangefochten die Regulatorik. Für fast 85 Prozent der Unternehmen stellt die Bürokratie eine schwere oder gar sehr schwere Belastung dar. Dicht darauf folgen weitere strukturelle Herausforderungen, die die Wettbewerbsfähigkeit einschränken:
- Rohstoffkosten: Knapp 80 Prozent der Betriebe sehen sich hier schwer oder sehr schwer belastet.
- Arbeitskosten: Gut 67 Prozent stufen diese als massive Belastung ein.
- Steuern und Abgaben sowie Energiekosten: Über 63 Prozent (Steuern) beziehungsweise 62 Prozent (Energie) der Unternehmen leiden stark unter diesen Ausgaben. Zusätzlich treibt der Nahostkonflikt die Kosten in die Höhe, insbesondere bei Transport und Lagerhaltung spüren über 87 Prozent der Betriebe Preissteigerungen. Positive Effekte aus dem Konflikt auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit erwartet die überwältigende Mehrheit (knapp 78 Prozent) hingegen nicht.

Geschäftserwartungen für den Inlandsmarkt stark gedämpft
Der Blick auf das laufende Geschäftsjahr fällt insbesondere mit Fokus auf Deutschland trüb aus: Über 41 Prozent der baden-württembergischen Unternehmen rechnen für den heimischen Markt mit Umsatzrückgängen, während nur knapp 28 Prozent ein Plus erwarten. Ähnlich pessimistisch ist die Sicht auf die Profitabilität: Mehr als 43 Prozent der Firmen kalkulieren für 2026 mit einem Rückgang ihrer Erträge. Etwas zuversichtlicher blicken die Betriebe auf das außereuropäische Ausland, wo immerhin rund 34 Prozent der Unternehmen von steigenden Umsätzen ausgehen.
Investitionen wandern zunehmend ab
Die unsicheren Perspektiven machen sich bei der Investitionsbereitschaft vor Ort bemerkbar: Über 41 Prozent der Betriebe planen, ihre Investitionen in Deutschland in den Jahren 2026/2027 zurückzufahren. Die direkte Konsequenz dieser Entwicklung: Über 41 Prozent der Unternehmen lagern Investitionen bereits deutlich oder zumindest teilweise ins Ausland aus. Als größte Hemmnisse für den Standort Deutschland werden von der deutlichen Mehrheit der Unternehmen die allgemeinen Kosten in Deutschland sowie die aktuelle Energie- und Klimapolitik genannt. Auch bei Innovationen bremst die Bürokratie: Für über 67 Prozent der Unternehmen ist sie ein spürbares bis starkes Hindernis für Forschung und Entwicklung.

Das Vertrauen in die Politik ist gering
Das mangelnde Vertrauen in den Standort drückt sich auch in einem kaum zu beschönigenden Zeugnis für die Politik aus. Insgesamt bewerten 67 Prozent der baden-württembergischen Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung als „mangelhaft“ oder „ungenügend“.
Zwei weitere Befunde stechen dabei besonders heraus:
- Knapp 80 Prozent der Befragten haben nicht das Gefühl, dass die Risiken einer Deindustrialisierung von den politischen Entscheidungsträgern ausreichend ernst genommen werden.
- Fast 90 Prozent empfinden die politischen Entscheidungen für ihre langfristige Unternehmensplanung als eher sprunghaft (51,7 Prozent) oder völlig unberechenbar (37,9 Prozent).
Die Zahlen der baden-württembergischen Chemie- und Pharmaunternehmen sprechen eine deutliche Sprache und decken sich mit den Feststellungen des VCI-Bundesverbands. Der Standort steht massiv unter Druck und die Wirtschaft verliert langsam, aber sicher die Geduld. Wenn Investitionen und Forschungskapazitäten zunehmend ins Ausland verlagert werden, droht ein schleichender Verlust von Wertschöpfung. Um diesen Trend zu stoppen, braucht es aus Sicht der Betriebe rasch spürbare Reformen, einen mutigen Bürokratieabbau und vor allem wieder verlässliche und berechenbare politische Signale.
Hier geht es zu weiteren Zahlen aus der VCI-Mitgliederbefragung zum Halbjahr 2026. Detaillierte Informationen zur Branchenlage in Deutschland zum Ende des 2. Quartals gibt es hier.
