Viele Unternehmen winken bei CCU-Technologien (Carbon Capture and Utilization) zunächst ab: zu viel grüner Wasserstoff, zu hoher Energiebedarf, zu komplexe Infrastruktur. CCS – also die reine Speicherung von CO₂ – erscheint oft als pragmatischerer Weg.
Eine neue Technologiestudie des VCI Baden-Württemberg, durchgeführt vom THINKTANK Industrielle Ressourcenstrategien, setzt genau hier an – und nimmt eine differenzierte Perspektive ein. Ziel war es, jene CCU-Verfahren zu identifizieren, die mittel- bis langfristig einen realistischen Beitrag zur Transformation der Chemie- und Pharmaindustrie leisten können.
Die Studie basiert auf KI-gestützten Analysen zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und Patente. Bewertet wurden technologische Reife, Skalierbarkeit, Anforderungen an die CO₂-Qualität sowie Energiebedarf und Infrastruktur. Im Fokus standen Verfahren mit geringem Energieeinsatz und möglichst ohne zusätzlichen Wasserstoffbedarf – also Lösungen, die auch für mittelständische Unternehmen praktikabel sind.
Die Ergebnisse zeigen eine breite technologische Spannweite: von mikrobiellen und biotechnologischen Verfahren (z. B. Mikroalgen oder modifizierte Bakterien) über photokatalytische und elektrochemische CO₂-Reduktion bis hin zur Herstellung von grünem Methanol. CCU ist damit kein Einzelverfahren, sondern ein technologischer Baukasten mit unterschiedlichen Reifegraden.
Für die chemische Industrie ist dieser Ansatz strategisch relevant. Kohlenstoff bleibt ein unverzichtbarer Baustein für Kunststoffe, Spezialchemikalien und pharmazeutische Wirkstoffe. CCU kann helfen, fossile Rohstoffe schrittweise zu ersetzen und CO₂ aus industriellen Quellen oder Biogasanlagen als alternative Ressource zu nutzen.
Gleichzeitig benennt die Studie klare Grenzen: Viele Prozesse sind energieintensiv, die stofflich nutzbare CO₂-Menge ist begrenzt, und die CO₂-Bindung ist nicht in allen Anwendungen dauerhaft. CCU ersetzt daher keine Emissionsvermeidung, sondern ergänzt sie im Rahmen einer umfassenden Defossilisierungsstrategie.
Die Botschaft der Studie ist klar: Vom Reden ins Handeln kommen. Der individuelle Klimabeitrag einzelner Anwendungen mag begrenzt sein, aber wer heute in die Marktreife investiert, schafft unternehmerische Perspektiven und gestaltet die industrielle Transformation mit. Entscheidend ist, frühzeitig Partnerschaften aufzubauen und die eigene Rolle in entstehenden CCU-Wertschöpfungsnetzwerken aktiv zu gestalten.
Der VCI Baden-Württemberg wird diesen Prozess aktiv begleiten und die Ergebnisse der Studie in den politischen Dialog einbringen.
Die vollständige Studie „CCU-Technologien: Status Quo und Zukunftsperspektiven“ steht hier als PDF zur Verfügung.
