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Hohe Arbeitskosten: Standort-Nachteil für Deutschlands Industrie

26.06.2019

Köln. Wer in der deutschen Industrie arbeitet, hat das sicher schon mal zu hören bekommen: „Wir müssen um so viel besser sein, wie wir teurer sind.“ Klar – sonst wird man auf Dauer vom globalen Markt gefegt. Aber wie viel teurer sind wir eigentlich?!

Das macht nun erneut Christoph Schröder deutlich, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Er hat für 42 Staaten penibel errechnet, was eine Stunde Industrie-Arbeit dort jeweils kostet. Dabei geht es nicht etwa nur um die örtlichen Löhne, also das Bruttoentgelt pro Stunde: Die je nach Land ganz verschiedenen Beiträge der Firmen an die Sozialkassen fließen in die Auswertung ebenso ein wie zum Beispiel betriebliche Ausgaben für die Weiterbildung oder auch die Altersvorsorge der Mitarbeiter.

Die globale Konkurrenz hat im Schnitt einen deutlichen Kostenvorteil

Für Deutschland ergibt sich ein Wert von rund 41 Euro. So teuer kommt die Betriebe hierzulande im Schnitt jede Arbeitsstunde im Verarbeitenden Gewerbe. Das ist, nur zum Beispiel, etwa viermal (!) so viel wie in Polen – aber auch deutlich mehr als in Japan, England oder Frankreich.

 

Um ein Gesamtbild zeichnen zu können, muss Schröder die einzelnen Staaten gewichten. Als Maßstab zieht er den jeweiligen Anteil eines Landes am gesamten globalen Export heran. Dann ergibt sich: „Verglichen mit der Konkurrenz insgesamt muss Deutschlands Industrie ein um fast ein Drittel höheres Arbeitskostenniveau verkraften.“

Deutschlands Position innerhalb des Euroraums hat sich verschlechtert

Blickt man mal nur auf den Euroraum, zeigt sich: 2010 hatte Deutschland pro Arbeitsstunde einen Kostennachteil von knapp einem Fünftel (19 Prozent) – bis 2018 vergrößerte sich dieses Manko nach und nach auf ein Viertel (24,4 Prozent). Wer Entscheidungen zum Beispiel über neue Fabriken trifft, hat solche Entwicklungen natürlich sehr genau im Auge, wie Schröder betont.

Auffällig, so der IW-Experte weiter, sei das vergleichsweise starke Ansteigen der Arbeitskosten in Mittel- und Osteuropa. Etwa in Tschechien, wo die Stunde Arbeit inzwischen schon teurer ist als in Portugal. „Das spiegelt den europäischen Konvergenzprozess wider“, erklärt Schröder: Mit starkem Wachstum nähern sich junge EU-Mitglieder den alten von unten an.

Eine ganz andere Entwicklung gab es übrigens in Griechenland. Seit 2010 sind dort die Arbeitskosten (und damit vor allem auch die Löhne) nominal um immerhin 5 Prozent gesunken – Zeugnis der schmerzhaften Reformprozesse in dem Krisenstaat.

Autor: Thomas Hofinger