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23. November 2000

Apotheker und Pharma-Industrie kritisieren Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen

- Arzneimittelbudget und geplante Positivliste verursachen zunehmende   Verunsicherung

Stuttgart. - Die Reformbestrebungen in der Gesundheitspolitik versprechen keinen nachhaltigen Erfolg. Dieses Resümee zogen die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg (LAK) sowie der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie e.V., Landesverband Baden-Württemberg (BPI) anlässlich einer gemeinsamen Veranstaltung in Stuttgart. Mit immer neuen Maßnahmen wie Budgets, Richtlinien oder der geplanten Positivliste würden die Beteiligten im Gesundheitswesen zunehmend verunsichert. Dies gelte für Patienten und deren Angehörige, für Ärzte, Apotheker und Pharma-Industrie.

Nach Angaben der LAK und des BPI zeigen verschiedene Studien, dass inzwischen eine Unterversorgung mit Medikamenten besteht. Rationierung von Arzneimitteln und damit eine Mehrklassenmedizin seien bereits Alltag. Die Alzheimer- und Demenzpatienten wurden als Beispiel dafür genannt, dass heute vor allem die chronisch Kranken und älteren Patienten benachteiligt werden. Vor allem das zu knapp bemessene Arzneimittelbudget verursache ein Versorgungsproblem, das sich von Jahr zu Jahr verschärfe.

Für Professor Dr. Michael Habs, Vorsitzender des BPI-Landesverbandes, ist von dieser Verunsicherung die baden-württembergische Pharma-Industrie besonders betroffen. Es bestehe die andauernde Gefahr, mit neuen Marktregulierungen oder Ausgrenzungen von Medikamenten rechnen zu müssen. Laut Habs werde dies vor allem für die kleineren Arzneimittelhersteller zu einem immer größeren Problem. Die mittelständische Branche im Land ist zudem auf pflanzliche und homöopathische Medikamente spezialisiert. Gerade diese Arzneimittel seien aber immer wieder in der Diskussion wenn es darum geht, Medikamente von der Erstattungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen auszuklammern.
Die wirtschaftliche Entwicklung der baden-württembergischen Pharma-Industrie war in den ersten drei Quartalen 2000 entgegen dem allgemeinen Konjunkturtrend relativ schwach. Die Unternehmen konnten ihre Umsätze lediglich um 0,5 Prozent auf 9,1 Mrd. DM steigern. Dabei mussten auf dem Inlandsmarkt mit einem Minus von 6,2 Prozent deutliche Umsatzeinbußen hingenommen werden.

Karin Wahl, Präsidentin der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg (LAK), verdeutlichte, dass Abbauerscheinungen im Alter durch entsprechende Medikamente entschieden verlangsamt werden können und dann ältere Menschen in ihrem eigenen, vertrauten Zuhause bleiben können. "Das ist der Weg, ihnen ihre Würde und Unabhängigkeit zu bewahren“, betonte Wahl, "Doch viele Ärzte sind aufgrund des Budgetdrucks kaum noch in der Lage, innovative Arzneimittel zu verordnen.“ Die Kammerpräsidentin wehrte sich vehement dagegen, Arzneimittel als Kostentreiber zu bezeichnen. "Die hohe Bedeutung der Arzneimitteltherapie ist längst wissenschaftlich erwiesen. Krankenhaus- und Pflegeheimeinweisungen sind in vielen Fällen mit Hilfe von Medikamenten verringert worden.“

Sowohl Wahl als auch Habs befürchten, dass Einsparungen im Bereich "Arzneimittel" Kosten in den stationären Bereich oder den Pflegebereich verlagern. Dies würde im Ergebnis sogar zu einer Erhöhung der Gesamtkosten führen. Apotheker und Pharma-Industrie waren sich einig, dass in einem humanen und funktionierenden Gesundheitssystem nicht an Arzneimitteln sondern mit Arzneimitteln gespart werden muss.

Der BPI in Baden-Württemberg vertritt die Interessen von fast 70 Pharma- Unternehmen mit insgesamt etwa 11.500 Mitarbeitern. Die Landesapothekerkammer (LAK) ist die öffentlich-rechtliche Berufsvertretung der 10.000 Apothekerinnen und Apotheker in öffentlichen Apotheken, Krankenhäusern, Industrie und Verwaltung.