Information
für die Medien
zur Wirtschaftspressekonferenz
der Chemie-Verbände Baden-Württemberg
am Dienstag, 01. April 2003, in Stuttgart
Stimmung in der Chemie gedämpft bis pessimistisch
- Branche hofft auf moderaten und krisengerechten Tarifabschluss
Stuttgart, 01. April 2003: Die Unternehmen der chemischen
Industrie in Baden-Württemberg beurteilen die Konjunktur
im laufenden Jahr eher pessimistisch. Positive Impulse werden
nur vom Auslandgeschäft erhofft.
Konjunkturprognose
2003
In der chemischen Industrie Baden-Württembergs ist die Stimmung
im Vergleich zum Vorjahr deutlich schlechter geworden. Nur jedes
zehnte Unternehmen beurteilt nach einer Umfrage der Chemie-Verbände
Baden-Württemberg die Konjunktur im Jahresverlauf positiv.
Jedes vierte Unternehmen rechnet mit einer schlechteren Entwicklung.
Besonders kritisch wird die Ertragslage eingeschätzt: Nur
13 Prozent der Unternehmen erwarten eine Verbesserung im Vergleich
zum Vorjahr. Insgesamt hofft die Branche bei Gewinnen und Umsätzen
insbesondere auf ein gutes Auslandsgeschäft. Vom Inlandsgeschäft
werden kaum Impulse erwartet. Auch die Prognosen zu Investitionen
und Beschäftigungsentwicklung spiegeln die skeptische Haltung
wider und sind eher negativ. Der Blick auf die Unternehmensgrößen
zeigt, dass kleinere Betriebe ihre Lage durchweg negativer beurteilen
als größere Unternehmen.
Gründe
für diese gedämpften Erwartungen liegen neben der ohnehin
schwachen Gesamtkonjunktur zusätzlich in den weltwirtschaftlichen
Unsicherheiten, welche die exportstarke Chemiebranche besonders
beeinflussen. Insbesondere der Irak-Krieg, die damit verbundenen
hohen Rohölpreise und die Euro-Aufwertung belasten die Unternehmen.
Wirtschaftliche
Entwicklung 2002
Der Jahresumsatz der Chemie-Unternehmen in Baden-Württemberg
hat 2002 bei einem leichten Minus von 0,2 Prozent auf knapp 15
Mrd. Euro stagniert. Dass dieser Rückgang nicht stärker
ausfiel, lag am Auslandsumsatz, der um 4,5 Prozent auf 7,2 Mrd.
Euro anstieg. Der Inlandsumsatz ging dagegen um 4,2 Prozent zurück.
Die Beschäftigtenzahlen legten im Vorjahr um immerhin 0,9
Prozent zu.
Insgesamt
konnte die Chemie Baden-Württembergs im Vergleich zur Bundeschemie
und zur Gesamtindustrie etwas besser abschneiden. Allerdings sind
die wichtigsten Kennziffern, insbesondere auch die Auftragseingänge
zum Ende des Jahres 2002 von Monat zu Monat deutlich schlechter
geworden.
Wirtschaftspolitische
Rahmenbedingungen
Alexander Dehio, Vorsitzender des Landesverbandes der Chemischen
Industrie, begrüßte ausdrücklich die neue Entbürokratisierungsinitiative
der Landesregierung. Hier konnte sich die Branche mit konkreten
Verbesserungsvorschlägen einbringen. Kritik übte Dehio
dagegen an der immer größer werdenden Regelungswut
auf Bundes- und EU-Ebene. Er wies darauf hin, dass im vergangenen
Jahr mehr als 400 neue Gesetze und Verordnungen mit über
4.000 Textseiten aus Berlin sowie nahezu 600 Rechtsakte und fast
700 Verordnungen aus Brüssel kamen. Ein besonders gravierendes
Beispiel sei die geplante Neuregelung der EU-Chemikalienpolitik.
30.000 so genannte Altstoffe sollen neu und aufwändig zugelassen
und registriert werden, obwohl diese zum großen Teil bereits
Jahrzehnte lang verarbeitet und eingesetzt werden. Zusätzlich
sollen auch Zwischenprodukte, die während eines chemischen
Prozesses entstehen, registriert werden. Damit müssten, so
Dehio, insgesamt mehr als 170.000 Stoffe neu registriert werden.
Dehio kritisierte, dass diese Chemikalienpolitik vor allem die
mittelständische chemische Industrie in Baden-Württemberg
betreffen wird. So würden auf die Unternehmen Registrierungskosten
für einen einzigen Stoff in der Höhe von einer viertel
bis über einer halben Million Euro zukommen. Nach einer vom
BDI bei Arthur D. Little in Auftrag gegebenen Studie müsste
die chemische Industrie in Baden-Württemberg im Durchschnitt
mit einem fast 18-prozentigen Umsatzrückgang und einem Verlust
von mehr als 10.000 Arbeitsplätzen rechnen. Dehio forderte
deshalb, dass die bisher vorliegenden Daten der chemischen Industrie
zu Produkten und Stoffen anerkannt und die Eigentumsrechte der
Unternehmen nicht gefährdet werden. Außerdem sollten
Zwischenprodukte nur dann zu registrieren sein, wenn sie den industriell
kontrollierten Bereich verlassen.
Chemie-Tarifrunde
2003
"Die Tarifrunde 2003 wird vor dem Hintergrund einer Krisensituation
geführt", so Rüdiger Dollhopf, Vorsitzender der
baden-württembergischen Chemie-Arbeitgeber. Neben den Unsicherheiten
des Irak-Krieges und den seit Monaten gestiegenen Rohölpreisen,
muss die Branche seit Jahren ein schwaches Inlandsgeschäft
verkraften. Deshalb gehe es bei den laufenden Verhandlungen nicht
nur um einen moderaten, sondern um einen krisengerechten Tarifabschluss.
Die Chemie-Arbeitgeber erhoffen sich einen Flächentarifvertrag,
der auch vom schwächsten Drittel ihrer Mitglieder bezahlt
werden kann.
Die erste
Bundesverhandlung der diesjährigen Chemie-Tarifrunde wurde
am 20. März nach mehrstündiger Debatte vertagt. Neben
der Erhöhung der Tarifentgelte, werden insbesondere die Themen
"Qualifizierung und Weiterbildung" sowie die "Schaffung
zusätzlicher Ausbildungsplätze" verhandelt. Der
nächste Verhandlungstermin wurde auf den 03. April festgesetzt.
Dollhopf
wies zum Thema zusätzliche Ausbildungsplätze darauf
hin, dass die Chemie-Arbeitgeber im Rahmen der diesjährigen
Tarifrunde bereit sind eine freiwillige Branchenlösung zu
vereinbaren. Demnach könnte z.B. eine gezielte Ansprache
und Unterstützung in den Unternehmen erfolgen, die bislang
nicht ausbilden. Eine solch freiwillige Selbstverpflichtung sei
der eindeutig bessere Weg, als die von der Bundesregierung angedrohte
Ausbildungsplatzabgabe.
Die Ausbildungsplatz-Situation in der chemischen Industrie Baden-Württembergs
ist positiv. Dollhopf erläuterte, dass das Ausbildungsplatzangebot
seit Mitte der 90er Jahre kontinuierlich gesteigert wurde. 2002
haben die Unternehmen 3,5 Prozent mehr Ausbildungsplätze
angeboten. Damit stieg die Zahl der Auszubildenden seit 1995 um
ca. 40 Prozent auf nunmehr fast 2.900 Jugendliche. Für dieses
Jahr wird ein gleichbleibend hohes Ausbildungsplatzangebot erwartet. 
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